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Achtsame Berührung in der Sterbebegleitung

Ein Artikel von Hildegard Schäfer

In unserer Hospizgruppe erlebe ich immer wieder, dass wir SterbebegleiterInnen an unsere Grenzen stoßen, wenn es z. B. nicht mehr möglich ist, mit den Todkranken verbal zu kommunizieren oder wir hilflos mit ansehen müssen, dass die Sterbenden Ängste oder Schmerzen erleiden. Das Bedürfnis, etwas tun zu wollen, ist groß, denn es ist schwer, die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht zu erleben und auszuhalten.

Wenn es gelingt, mit einer achtsamen und wachen Präsenz „NUR DA ZU SEIN“, so wirkt sich die Haltung dieses „aktiven Nichts-Tuns“ i.d.R. positiv auf die Atmosphäre am Krankenbett aus. Es klingt paradox, aber es ist möglich, mit dieser Ausrichtung des Nichts-Tuns Menschen zu berühren. In meiner Arbeit als Shiatsupraktikerin erfahre ich diese Berührungsqualität als Kommunikation ohne Worte, als gegenseitiges Geben und Nehmen. Am anschaulichsten wird es vielleicht, wenn ich von meiner Begleitung einer 53-jährigen Frau berichte, die an Knochenkrebs erkrankt war.

Trotz Morphium litt sie unter starken Schmerzen, besonders im rechten Schulterbereich. Jede Bewegung und Berührung musste sehr behutsam geschehen, um nicht noch mehr Schmerzen oder gar ein Brechen der Knochen zu verursachen. Wenn ich z. B. zur Begrüßung meine Hand sacht auf die ihre legte, achtete ich aufmerksam auf Zeichen, die mir verrieten, ob ihr die Berührung willkommen war. Solange sie sprechen konnte, hat sie ihre Befindlichkeit Gott sei Dank verbal immer sehr deutlich gemacht, aber es gab auch Phasen, in denen ich an ihrer Mimik, im Heben eines Fingers oder durch ein leichtes Zucken den Eindruck gewann, dass körperliche Berührung im Moment nicht gewünscht war.

Im Laufe der 4-monatigen Begleitung jedoch bat sie mich immer häufiger darum, beispielsweise ihre Schulter zu umfassen, mit den Fingerspitzen kreisende Bewegungen an den Fersen auszuführen, mit den Daumen die Stirn auszustreichen oder einfach nur ihre Hand zwischen meinen Händen zu halten. Meistens jedoch wünschte Frau N.N., dass ich die wie von ständigen Messerstichen durchbohrte Schulter von vorn und hinten umfasste, um den schmerzenden Bereich lange zwischen meinen Händen zu halten. Während der oft 5 bis 10-minütigen Haltezeit tat ich nichts, außer mit meditativer Acht- und Wachsamkeit mit meinem ganzen Körper, insbesondere der Hände zu lauschen. Ich nahm wahr wie die Messerspitzen zunächst ungeduldig pochten und stießen, dann aber allmählich langsamer und ruhiger wurden. Parallel dazu verspürte Frau N.N. ein Nachlassen der Schmerzen.

Die Kunst der achtsamen Berührung wirkt sich nicht nur auf die Sterbenden, sondern meist auch positiv auf begleitende  Angehörige oder Freunde aus. Sie fühlen sich manchmal physisch und psychisch überfordert und erschöpft. Eine kleine Nackenmassage, etwas abseits vom Krankenbett, bringt oft Entspannung.

In meiner Shiatsuausbildung und –praxis habe ich gelernt, meine Aufmerksamkeit dabei nicht nur auf den Körper der Person zu richten, sondern sie auch in ihrem Wesen als Mensch, so wie er ist, zu berühren. Nichts an ihm ist richtig oder falsch. Er ist wie er ist.

Diese Ausrichtung ist von einer natürlichen Präsenz mit einem weiten Fokus geprägt. Wenn man sie verlässt, was zwischendurch immer mal wieder vorkommt, wird der Unterschied sofort in der Berührungsqualität spürbar. Eine Berührung büßt auch dann an Qualität ein, wenn der oder die Gebende sich selbst in ihrer Position nicht wohl fühlen. Jede körperliche oder geistige Anspannung schwingt mit.

Deshalb sollten wir dafür sorgen, dass es uns gut geht, damit wir gut für Andere sorgen können.

Hildegard Schäfer