Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu

Berührung in der Sterbegleitung

Ursula Rudolph-Pflanz, die Shiatsu praktiziert, berichtet über ihre Erfahrungen.

„Viele ältere, schwerkranke Menschen leiden häufig an mangelndem „ Hautkontakt“; sie verhungern buchstäblich, weil sie mit dem Leben nicht in Berührung sind.“
Dr. med. Bernie Siegel, Prognose Hoffnung; 1988, S. 251

In vielen Kulturen ist Massage ein ganz selbstverständliches Hausmittel, das bei Verspannungen und Schmerzen angewendet wird. Diese Selbstverständlichkeit ist bei uns weitgehend verloren gegangen. So kann bei uns Begleiterinnen eine Scheu da sein, diejenigen zu berühren, die wir begleiten oder wir tun in dem Bedürfnis helfen zu wollen zu viel, ohne die Bedürfnisse unseres Gegenübers hinreichend zu erspüren.

Was tun?

Wir können fragen, ob der zu begleitende Mensch Berührung wünscht. Es kann sein, dass jemand eine solche strikt ablehnt, es ist aber auch möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass erst eine Beziehung aufgebaut werden muss.

Wie man an den folgenden Beispielen sieht, müssen es nicht komplizierte Formen der Berührung sein, mit denen ich auf der körperlichen Ebene kommuniziere, manchmal genügt es, eine schmerzende Stelle einfach zu halten. Eine gerade Wirbelsäule und die Konzentration auf unseren Schwerpunkt unterhalb des Nabels helfen dabei entscheidend mit.

Frau T. ist schwer krebskrank und wird nur noch ein paar Wochen leben. Heute ist sie ärgerlich, weil ihre Freundin über den drohenden Verlust klagt: „dabei bin ich es doch, die sterben wird“. Ich höre zu, später biete ich an, ihr Shiatsu an Beinen und Füßen zu geben. Ich weiss noch nicht, wie Frau T. auf die Berührung reagieren wird. Deshalb denke ich, dass es leichter ist für sie, meine Berührung zu akzeptieren, wenn ich auf diese Weise beginne.

Ich knie entspannt mit gerader Wirbelsäule vor Frau T., die im Rollstuhl sitzt, lehne mich sanft an die Beine mit den Handballen und später Daumen an. Danach massiere ich Füße und Hände. Zum Schluss streiche ich Beine und Füße aus. Frau T. genießt sichtlich die Berührung. Ihr Ärger ist verflogen, ihre Gesichtszüge gelöst.

Frau J. verbringt viele Stunden des Tages im Bett. Sie ist 86 Jahre alt, leidet an verschiedenen chronischen Krankheiten, unter anderem an Parkinson. Und sie muss viele Schmerzen ertragen. Sie hat es am liebsten, wenn ich ihre Füße massiere. Allein dies verschafft ihr wenigstens zeitweise Entspannung und Erleichterung. Sie schließt die Augen und genießt sichtlich. Da sie zu den Menschen gehört, die andere auf keinen Fall über Gebühr belasten wollen, sagte sie häufig nach einer Weile – jetzt ist es genug.

Heute aber darf ich gleich ausführlich beide Füße behandeln und höre sogar von selber wieder auf. Auch der Abschied fällt heute etwas länger und zögerlicher aus als sonst. Zwei Tage später bekomme ich den Anruf, dass Frau J. uns verlassen hat.

Was mich früher bei meiner verbalen Beratungstätigkeit, in meiner Shiatsu- Arbeit und bei der Sterbebegleitung gleichermaßen fasziniert ist jedes Mal eine ähnliche Ausrichtung:
Bewerte oder beurteile nicht den Menschen, den du begleitest, sei authentisch, sorge dafür dass es dir selber gut geht und lausche mit deiner ganzen Kraft auf das, was dir dieser Mensch auf körperlicher, seelischer oder geistiger Eben mitteilen will, sei präsent und achtsam.

Diese Ausrichtung des Daseins und Nichtstuns sind wichtiger als technisches Können. Wie man an den beiden Beispielen sieht, müssen es nicht schwierige Formen der Berührung sein, mit denen ich auf der körperlichen Ebene kommuniziere, manchmal genügt es sogar, eine schmerzende Stelle nur zu halten. Da unsere Handinnenflächen Energiezentren sind, kann es sogar hilfreich sein, die Hände mit den Handflächen nach unten darüber zu halten.

Ich möchte dazu ermutigen, Hände und Füße zu massieren, dazu, es zunächst mit Familie und Freunden auszuprobieren und selber die wohltuende Wirkung zu erfahren. Und: unsere Intuition wird uns zeigen, was die begleitete Person braucht: vertrauen wir!