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Kyojitsu in Bewegung – Resonanz zu den Meridianfunktionen

Ein Lehrstück - Artikel von Brigitte Ladwig

Die Arbeitsaufgabe in einem Abschlußkurs der Shiatsu Ausbildung war, die Informationen aus Bo Shin mit dem Anliegen der Partnerin und der kyojitsu-Diagnose am Hara zu einem Sitzungsthema zu verbinden, worauf dann pr aktisch in einer Behandlung Bezug genommen werden sollte. Ein besonderer Schwerpunkt lag  darauf, die Meridianfunktionen in die Berührungskommunikation einzubeziehen. Um die Shiatsulernenden dabei supervidieren zu können, möglichst ohne sie beim Arbeiten zu unterbrechen, sollten sie ihre Beobachtungen, das Ergebnis der Haradiagnose, ihre Zielsetzung für die Behandlung und ihre Ideen zu den passenden Aspekten der Meridianfunktionen für uns Lehrerinnen sichtbar aufgeschrieben an ihrem Platz auslegen.

 

Eine Schülerin arbeitete gerade am Dickdarmmeridian am Brustkorb in der Seitenlage. Der Meridian hatte sich in der Haradiagnose als kyo gezeigt und sie hatte aufgrund des Bo Shins, der anderen Informationen und ihrer Einfühlung als zu unterstützenden Aspekt der Funktion „Loslassen“ gewählt. Obwohl die Technik stimmig war und sauber ausgeführt wurde, die Ausrichtung gut, veränderte sich nichts an der stillen, etwas dumpfen Meridianqualität. Es war jedoch deutlich spürbar, daß die Schülerin sich nicht innerlich auf „Loslassen“ eingestimmt hatte beim Arbeiten. In ihren Techniken wirkte sie eher etwas gehalten, der Rhythmus unterstützte nicht das „Loslassen“ und sie war selbst auch nicht ausreichend in einer Verfassung des „Loslassens“. Darauf angesprochen meinte sie, der Meridian sei so kyo, wenn dort auch noch losgelassen werden würde, würde er ja noch schlapper, deshalb hätte s ie es jetzt mit „vitalisieren“ probiert, um mehr Leben reinzubringen. Sie hatte selbst schon bemerkt, daß ihre Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt waren und gerade darüber nachgedacht, ob sie es mit „Struktur“ versuchen solle, das wäre ja auch noch etwas substantieller als „loslassen“. Auch dieser Versuch brachte keine Bewegung in den immer noch schlapp und reglos erscheinenden Dickdarmmeridian. Ich bat sie dann, es doch mit ihrer ersten Wahl, dem „Loslassen“ zu versuchen. Und – schon bei der ersten Berührung „blinkte“ der Meridian auf der ganzen Seite auf, klar wahrnehmbar auch für die staunende Schülerin.

Dieses Beispiel wurde für den ganzen Kurs zu einem anschaulichen Lehrstück dafür, zu verstehen, daß andere Gesetzmäßigkeiten gelten, wenn wir kyojitsu als Bewegung ansehen als wenn wir sie als eher statische Zustände betrachten.

Kyojitsu – Zusammenspiel von Qualitäten statt statischer Quantitäten

Solange man sich kyojitsu vorstellt als Ausdruck von zuwenig bzw. zuviel Energie, leiten sich daraus für das Verständnis und für die Ausrichtung in der Praxis ab, daß grob gesagt, wo zuwenig Ki ist, etwas zugeführt werden sollte und umgekehrt für das jitsu, daß gelöst, zerstreut werden sollte. Dieses Verständnis entspricht dem in der Traditionellen Chinesischen Medizin: besteht z.B. ein Qi-Mangel, versucht die Therapie z.B. durch Gabe von entsprechenden Kräutern oder durch wärmendes Moxa Qi aufzubauen, bei Fülle-Syndromen dagegen wird eher ableitend, zerstreuend genadelt.

Wenn wir uns in unserer Praxis, unserem Verständnis und unserer Diagnose in das Modell begeben, wo Ki als Bewegung definiert wird, was erfassen wir dann bei der Kyojitsu-Diagnose am Hara, an den Rückenzonen, am Meridian, an Körperbereichen? Je mehr wir über die eigene Ausrichtung, die äußere und innere Haltung unsere eigene Energie frei lassen, desto mehr nehmen wir bei der Berührung Kontakt auf zum energetischen System als Feld von Schwingungsqualitäten. Ein jitsu wird dann eher als aktiv, schnell antwortend beschrieben, ein kyo auffällig darin, daß es nicht oder langsam antwortet, daß es uns im Vergleich eher still erscheint. Wir treten mit dieser Art Wahrnehmung ein in den Bereich, wo die Interaktion der Ki-Qualitäten untereinander und mit uns eine größere Rolle spielt.

Wie das anfangs beschriebene Beispiel zeigt, bleibt das Verständnis doch oft im dreidimensionalen Denken, auch wenn die Wahrnehmungsfähigkeit entsprechend ausgebildet ist und auch die Techniken klar und durchlässig eingesetzt werden können. Auf die Aspekte der Meridianfunktionen bezogen passiert dann schnell das Mißverständnis, daß geglaubt wird, einem kyo-Meridian könne man sinnvoll nur mit etwas Nährendem, Stärkenden, Belebenden begegnen und ein Magenjitsu z.B. würde mit der Einstimmung auf „Nähren“ auf jeden Fall noch stärker jitsu und bräuchte vielleicht eher den „Transport“ zum Verteilen der jitsu-Energie. Oder bei den Überlegungen zur Bedeutung einer kyojitsu-Diagnose für den Klienten wird davon ausgegangen, daß ein kyo ein Mangel an einer Funktion ist, ein Nieren kyo also auf fehlenden Antrieb hinweisen muß.

Bevor das Verständnis des Zusammenspiels der Meridianfunktionen weiter erläutert wird, noch einmal zurück zur Interaktion.

Interaktion heißt erst mal, daß sich etwas auf etwas anderes bezieht, daß eine Art Kommunikation untereinander, eine Verbundenheit stattfindet. D.h. wenn in einem „etwas“ sich was verändert, schwingt das andere „etwas“ in irgendeiner Weise mit und die Beschaffenheit wird verändert. Diese Art von wechselseitiger Beeinflussung findet nicht wie Ursache und Wirkung nacheinander statt, sondern simultan. Obwohl letztendlich alles im Kosmos mehr oder weniger miteinander verbunden ist, auch zwischen Klient und Therapeutin die verschiedensten Wechselwirkungen stattfinden und die energetischen Qualitäten des Klienten insgesamt  in Interaktion sind, gilt jetzt hier zunächst unser Interesse dem besonderen Zusammenspiel von kyojitsu und später der energetischen Kommunikation zwischen Klient und Shiatsu-Therapeutin.

Wenn man mit zwei Diagnosemeridianen arbeitet, interessiert vor allem die Interaktion zwischen gerade diesen zwei Meridianen. Meist wird hier vom größten kyo- und größten jitsu-Meridian gesprochen. Kyojitsu ist hier definiert als die zwei am stärksten entgegengesetzten Qualitäten von Energie bezogen auf ihre Aktivität. Diese beiden Meridianenergien bilden nicht nur ein polares Paar von kyojitsu-Ungleichgewichten, die dann in der Praxis ausgeglichen werden sollen, sondern, was für unsere Energiearbeit wichtiger ist, wir suchen nach den beiden kyojitsu-Meridianen, die miteinander interagieren. Deutlich erfahrbar wird dieses Prinzip der Interaktion zweier entgegengesetzten Energiequalitäten in der diagnostischen Methode der kyojitsu-Reaktion, die kurz beschrieben werden soll.

Exkurs – Die kyojitsu-Reaktion

Der praktische Ablauf: über die Zonen am Hara oder Rücken findet man die im Ausdruck stärksten kyos und jitsus heraus. Ist es ein klares Paar, dient die kyojitsu-Reaktion als mögliche Bestätigung der Diagnose. Jedoch erlebt man manchmal auch eine Überraschung, daß zwei andere Meridiane miteinander interagieren als die, die man als das größte kyo und das größte jitsu herausgefunden hat. Gibt es mehrere kyos und/oder jitsus zur Auswahl, hilft dieses Verfahren, das für die Behandlung wirksamste Paar herauszufinden. Mehrere jitsus kann man zunächst untereinander vergleichen und das stärkste auswählen. Man berührt danach wahrnehmend, offen die jitsu-Zone und behandelt rasch und tief eine der kyo-Zonen. Wenn man dabei eine Änderung in der jitsu-Qualität wahrnehmen kann, handelt es sich um die miteinander interagierende  kyojitsu-Kombination. Wenn sich nichts bewegt hat, versucht man es mit einem anderen kyo.

Die Veränderung, die während der Durchführung dieser Technik im jitsu wahrnehmbar ist, kann sehr unterschiedlich sein, z.B. könnte ein jitsu erfahren werden als Aktivität, die sehr schnell ist, sich nicht sehr weit ausdehnt, sondern die sich wie eingesperrt anfühlt. Beim Einsinken in die passende kyo-Zone könnte solch eine jitsu-Qualität offener, weiter werden oder auch ruhiger oder die Frequenz der Bewegung ändert sich.

Da das kyo von seiner Grundeigenschaft her die Neigung hat, versteckt zu sein, bleibt bei der einfachen Hara- oder Rückendiagnose eine Unsicherheit, ob das gefundene kyo das wirksamste ist. Dieses Verfahren ist eine Möglichkeit, es sicher zu entscheiden.

Aufgrund der unterschiedlichen energetischen Antworten auf Berührung reagieren kyo und jitsu nicht symmetrisch. Von daher ist die kyojitsu Reaktion nicht umkehrbar. Es geht hier um die momentane Veränderung der Vibrationsqualität des jitsu, wenn das kyo stimuliert wird.

Bewegung in energetischen Feldern

Bei der Beschreibung der energetischen Prozesse bei der kyojitsu-Reaktion wurde bewußt von einer Veränderung in der jitsu-Qualität gesprochen und nicht nur von einer Veränderung in der Diagnosezone des jitsu-Meridians.

Wenn ich in Kontakt trete mit einer Diagnosezone kann ich mich einstimmen auf diese eine Stelle oder ich kann quasi durch diese Zone hindurch auf das gesamte energetische Feld der Person „schauen“. D.h. die jitsu-Qualität ist auch als „Atmosphäre“ um die Person herum und durch die Person hindurch wahrzunehmen. Bei der Stimulation der passenden kyo-Zone findet eine Reaktion in diesem Feld der Person statt.

Für die kyojitsu-Reaktion wollen wir die zu beobachtende momentane Veränderung im jitsu spüren. In der Behandlung sind wir nicht, zumindest nicht vorrangig an der Veränderung des jitsu interessiert, sondern es geht darum, daß sich an den Symptomen des Klienten etwas verändert, daß auf sein Anliegen eingegangen wird. Wir beobachten deshalb also, wie sich durch unsere Arbeit über die beiden Diagnosemeridiane insgesamt oder lokal das energetische Feld so verändert, daß sich auch der energetische Ausdruck der Symptomatik in eine gewünschte Richtung bewegt bzw. daß einzelne Aspekte des Feldes besser integriert werden. Die Feinabstimmung in der Arbeit geschieht z.B. durch unterschiedliche Arbeitsrhythmen, Einsatz verschiedener äußerer Techniken und auch durch unterschiedliche innere Einstimmungen, Ausrichtungen und Kommunikationsangebote– dazu gehört auch, sich auf die Funktionen der Meridiane einzustimmen, wie in dem Beispiel zu Beginn beschrieben.

Felder und Meridianfunktionen

Meridiane sind definiert als Energiekanäle. Energie als Vibration, also als Bewegung verstanden, ist überall. Die Meridianbahnen sind äußerst gute Zugänge zu den energetischen Qualitäten in der ganzen Person. Das, was wir in der wahrnehmenden Berührung des Meridians antreffen können, wenn wir entsprechend ausgerichtet sind, ist die typische Vibration des Meridians. Wenn man den Meridian versteht als Ausdruck oder als Träger der Meridianfunktion und ihm mit dieser Einstimmung begegnet, kann man die spezielle Qualität der Funktion im ganzen Feld erfahren. Jede Funktion existiert letztendlich in jeder Zelle und über alle Ebenen des Menschseins - körperlich, emotional, mental, geistig.

Von daher erweisen sich auch Symptome oder dominante Bereiche oft nicht verbunden mit dem Meridian, den man von den gängigen Funktionen her wählen würde. Obwohl es aufgrund der Wirkweisen der einzelnen Meridiane Tendenzen gibt, sich in bestimmten Bereichen zu manifestieren, kann letztendlich jede Symptomatik mit jedem Meridian in Verbindung stehen. Wichtig, wenn man in Kommunikation mit den energetischen Feldern kommen möchte, nicht ein gelerntes Konzept von Zuordnungen ungeprüft anzuwenden, sondern individuell sich einzustimmen auf den Klienten mit seinen Fragen, mit seinem energetischen Ausdruck und seiner Art, auf unsere Angebote zu antworten.

So können Rückenschmerzen z.B. bei einer Person eine Resonanz mit dem Dreifachen Erwärmer Meridian haben und vielleicht auf ein übermäßiges Schützen hinweisen oder bei einer anderen Person mit vergleichbarer Symptomatik wären die Rückenprobleme über den Gallenblasen Meridian zu erreichen und würden z.B. auf eine Unterstützung des Verteilens der Energie ansprechen. Durch Beobachtung, Befragung oder Einfühlung hat man oft schon eine Hypothese, welcher Aspekt der Meridianfunktion bei dem Klienten unterstützend sein könnte. Entscheidend ist aber die energetische Antwort des Meridians. Das ist die Ebene, auf der unser Berührungsgespräch stattfindet und wo sich die Hypothese bewähren muß oder verändert werden muß. Man verändert dann gegebenenfalls das Angebot, bis eine Resonanz spürbar ist, wie in der anfangs geschilderten Erfahrung bei der Übungssitzung. Daß man in Resonanz ist, kann zunächst spürbar sein dadurch, daß der Bezug zu der Person intensiver wird, daß man selbst wacher, lebendiger, offener wird beim Arbeiten, daß ein samtiges, etwas wie magnetisches Gefühl in den Händen oder Fingern als Zeichen für Kontakt spürbar wird. Oder wie in dem Beispiel zu Anfang kann man beobachten, daß die Qualität des Meridians sich ändert – im Verlauf oder auch im gesamten Ausdruck im Feld. Eingebettet in eine Sitzung mit einem Thema orientieren wir uns daran, ob unser Angebot einen Bewegungsimpuls in die gewünschte Richtung hervorruft; wenn nicht muß die eigene innere und äußere Technik geändert werden oder es ist ein Zeichen, daß das Thema nicht stimmig für diesen Moment war.

Auf die Techniken im einzelnen und die konkrete Anwendung in der Sitzung soll hier nicht weiter eingegangen werden. Es braucht viel Übung, die speziellen Vorgehensweisen zu entwickeln, sich ein klares Verständnis für die Meridianfunktionen und ihre Bedeutungen zu erarbeiten und die innere Feinabstimmung vom Körper und den eigenen Energien her im Shiatsu-Dialog leicht und spielerisch einsetzen zu können. Hier sollte nur deutlich gemacht werden, daß die Meridiane Schwingungsfelder von spezifischer Qualität sind, mit denen man direkt und individuell kommunizieren kann.

Meridianfunktionen und kyojitsu

Schon wenn man am Hara eine Meridianzone berührt, stimuliert man diese energetische Qualität im ganzen Feld. Bei den beiden Diagnosemeridianen beobachtet man auch, daß sie den stärksten Kontakt zum Ausdruck des energetischen Feldes der Person haben. D.h. über diese beiden interagierenden Funktionen bekomme ich die umfassendste Aussage über die Person und die Symptome – in dem Moment. Das Zusammenwirken der beiden Meridiane und der weiteste „Blick“ auf die Person, den diese Meridiane uns gestatten, macht es verständlich, daß das Paar der Diagnosemeridiane den größten Veränderungseffekt bei der Arbeit mit Shiatsu für den jeweiligen Moment hat.

Durch die Hara- oder Rückendiagnose erhalten wir zwei Meridiane, einen kyo- und einen jitsu-Meridian. Mit diesen beiden diagnostischen Meridianen arbeiten wir in der Sitzung. D.h. wir haben zwei Funktionen, zwei miteinander interagierende energetische Felder, mit denen wir kommunizieren.

Was macht man mit der Dynamik der zwei Meridiane? Zunächst sollte man sich vom Verständnis her für die Bedeutung des Zusammenwirkens der beiden Meridiane nicht durch ein zu starres Konzept von Mangel und Fülle, Ursache und Wirkung, Mangel und Kompensation einengen, das dem lebendigen Zusammenwirken nicht gerecht werden kann. In der Praxis zeigt sich, daß sie in verschiedener Art miteinander interagieren und daß man das „wie“ jeweils individuell für den Moment herausfinden kann. Für die praktische Färbung des Berührungsangebots, um in Resonanz zu kommen, kann es sein, daß für einige Meridian- oder Körperbereiche eine Funktion dominiert und daß es für andere Teile oder auch für die ganze Person eine Kombination gibt, die das Zusammenwirken widerspiegelt. Wieder beobachtet man während des Arbeitens, welche Kombination einen guten Kontakt ermöglicht.

Ein Praxisbeispiel: eine Klientin, die sich vor einigen Wochen in einer Renovierungsaktion sehr verausgabt hat, kommt trotz Erschöpfung nicht zur Ruhe und fühlt in sich einen starken Widerstand, sich nicht mehr so anzustrengen. Ihre Gelenke fühlen sich im Moment dicht und unbeweglich an. Von den Sitzungen davor weiß ich, daß aktuell innere Prozesse ablaufen, die einerseits mit unbestimmter Angst verbunden sind, in denen sich andererseits eine Öffnung anbahnt von tiefstem Vertrauen in die Existenz. Die Haradiagnose ergibt Gallenblasenmeridian kyo und Herz jitsu. Die Funktion von Gallenblase ist das Verteilen der Energie, die Hauptfunktion von Herz ist Interpretation und Adaption (Anpassung). Vom Anschauen her und von den vorhandenen Informationen kann ich die Gelenkprobleme als einen körperlichen Aspekt, die gut organisierte Tatkraft, das Umsetzen von Visionen bei der Renovieraktion als emotionalen und mentalen Aspekt des Gallenblasenmeridians zuordnen. Die Gelenke wirken energetisch gestaut, wenig lebendig, die ganze Person wirkt nicht besonders müde nach der Strapaze, sondern wie noch in Schwung, aber irgendwie unbestimmt, etwas verloren. Evtl. könnte das mit dem Aspekt des Gallenblasenmeridians verbunden sein, der damit zu tun hat, sich eine Richtung zu geben oder sich auf seinem Weg zu fühlen. Dieses Empfinden von Verloren oder auf subtiler Ebene konfus sein könnte ich auch in Verbindung bringen mit der Herzenergie auf spiritueller Ebene, bei der es um ein tiefes Verstehen gehen kann, wie man eigentlich gemeint ist, wie eine Neuinterpretation des eigenen Lebens. Diese Überlegungen laufen in Wirklichkeit nach der Haradiagnose eher gleichzeitig und assoziativ ab. Als Thema für die Sitzung hatte ich Zentrierung (auf emotionaler und geistiger Ebene) gewählt, jeweils als Lokalarbeit noch das Lösen und Beleben der Gelenke. Nach einigen unpassenden Angeboten zeigt sich, daß die innere Haltung, die mich klar in ein energetisches Gespräch bringt und worauf die Energie der Klientin sowohl in den Gelenken als auch im Gesamtausdruck positiv reagiert, etwa folgendermaßen beschrieben werden kann: die „Interpretation“ ist eher emotional gefärbt, wie ein zärtlicher, liebevoller Blick auf das innere und äußere Geschehen, gleichzeitig darf diese Qualität nicht statisch sein, sondern sie dehnt sich aus. Da diese innere Haltung kein mentaler Prozeß ist, sondern ein energetischer, ist diese nachträgliche Suche nach halbwegs passenden Begriffen nötig, um das Vorgehen anschaulich zu machen. Welche Funktion hier auf welche Weise auf die andere wirkt, ist nicht klar; es ist eher eine neue dritte Qualität entstanden. Auf Grund dessen, was „funktioniert“ hat, könnte man verschiedene Überlegungen anstellen. Eine Möglichkeit wäre z.B., daß es für die Klientin von Bedeutung sein kann, nicht nur mit ihrer Organisationskraft wirksam zu werden, sondern auch die Verarbeitung von emotionalen und geistigen Prozessen sich von innen nach außen sich ausbreiten zu lassen. Ein anderes Interpretationsmodell könnte sein, daß sie die heftigen emotionalen Integrationsprozesse versucht hat, körperlich zu kontrollieren durch ein Zusammenziehen, das sich als Symptom in den Gelenken manifestiert hat. Oder daß bei Überbeanspruchung der Tatkraft die Fähigkeit zur Adaption leidet ... Manchmal ist die Interpretation eindeutiger, manchmal gibt einem der Klient auch nach der Sitzung direkt den Schlüssel zum Verständnis, wie z.B. bei einer Klientin, die nach einer Sitzung mit Nierenmeridian kyo und Dreifacher Erwärmer Meridian jitsu sagte, daß sie jetzt ganz deutlich gemerkt hätte, wieviel Angst sie hätte, im Kontakt ihren Schutz aufzugeben. Manchmal scheint die Interpretation auch nur eindeutiger zu sein. Das Leben selbst ist so komplex, daß je nachdem in welche Ebenen oder Tiefen man schaut, unterschiedliche Zusammenhänge in den Vordergrund rücken können. Noch mal zurück zur ersten Klientin: auch ohne völlig klar die Bedeutung für die Klientin zu wissen, war es doch möglich, ihre Energie gezielt anzusprechen. Die Klientin fühlte sich nach der Sitzung klar, in sich, in ihrer Ruhe. Die Gelenke wirkten wieder frei und auch für mich war eine Klarheit in der Ausstrahlung wahrzunehmen.

Kommunikation der Energiefelder von Therapeutin und Klient

Indirekt, obwohl im vorangegangenen Text der Hauptaugenmerk auf die Interaktion der kyojitsu-Meridiane beim Klienten gerichtet war, wurde die energetische Kommunikation zwischen Therapeutin und Klient schon besprochen. Im Beispiel zu Beginn war deutlich geworden, daß allein durch die Änderung in der inneren Einstimmung der Schülerin ein Bewegungsimpuls im energetischen Zustand bei der Partnerin erreicht wurde. Schon bei der ersten Berührung mit der stimmigen inneren Haltung gab es ein Zusammenschwingen.

Je klarer wir während unserer Arbeit in unserer Ausrichtung sind, um so mehr sind wir als energetisches Feld für alle Schwingungsebenen Werkzeug und Teil der wirksamen Dynamik zwischen Klient und Therapeutin. Unsere Wahrnehmung wird beeinflußt von der Beschaffenheit unserer Energie. Das, was wir in der Shiatsusitzung energetisch ansprechen können, ist abhängig von unserer eigenen energetischen Ausrichtung.

Bezogen auf kyojitsu kann das heißen, daß ich die wahrgenommene kyo- oder jitsu- Qualität versuche, in meinem Berührungsangebot über meine innere Technik auszugleichen, zusätzlich zum Eingehen auf diese Qualitäten durch den Einsatz entsprechender äußerer Techniken oder Behandlungsrhythmen. Bei einem jitsu, das sich prall und verdichtet anfühlt und sich wie in einem zu kleinen Rahmen schnell bewegt, könnte ich z.B. versuchen, in mir eine Offenheit und Leichtigkeit zu erstellen, während ich dort arbeite. Wieder schaue ich auf die energetischen Reaktionen, um zu prüfen, ob mein Angebot ankommt.

Die energetische Interaktion zwischen Klient und Therapeutin ist jedoch keine Einbahnstraße. Vor allem wenn wir im Arbeiten die Ausstrahlung unserer Energie etwas zurücknehmen, stärker „lauschend“ werden, natürlich ohne die Fähigkeit zur Selbstorganisation aufzugeben, wird unsere Energie auch durch die Energie des Klienten verändert. Diese Veränderungen kann ich wieder als Ausgangspunkte zum Verständnis und für die Färbung meines nächsten Angebotes nutzen. Das heißt, ich kann mich führen lassen von dem energetischen Prozeß des Klienten. Die Energien spielen miteinander, ich kann während dessen beobachten, was passiert, worauf ich eingestimmt werde, auf welche Frequenz (physisch, emotional, mental, geistig) und auf welchen Fokus (z.B. kleiner lokaler Bereich oder gesamtes Feld) ich gezogen werde. Dadurch, daß ich bewußt wahrnehmend dabei bin, das Sitzungsziel im Blick, auf meine Selbstorganisation achtend, habe ich in diesem Prozeß ständig auch Wahlmöglichkeiten, ob ich einem Impuls einfach folgen, ihn verstärken oder ihn umlenken möchte.

Zum Schluß

Wie alle Theorie ist auch der dargestellte Ausschnitt der kyojitsu-Theorie ein Modell. Sie erhebt nicht den Anspruch, die eine Wirklichkeit abzubilden, sondern sie stellt beobachtete Wirkmechanismen in einen logischen Zusammenhang und einen größeren Kontext.  Sie hilft uns, unsere Erfahrungen zu organisieren, Fragen nachzugehen, aus Fehlern zu lernen, Ideen für unsere Praxis abzuleiten und zu überprüfen. Und sie macht es möglich, sich mit Kollegen, die mit einem anderen theoretischen Hintergrund arbeiten, über die Praxis und das Verständnis auszutauschen.

Letztendlich sollte jedes Modell von Shiatsu-Diagnose, also auch jedes Modell von kyojitsu uns helfen, uns auf die Klienten einzuschwingen und einen guten Zugang zu deren Ki zu bekommen.

Autorin

Brigitte Ladwig, geb. 1953; Shiatsu-Praktikerin und –Lehrerin (GSD- anerkannt), Leiterin des Europäischen Shiatsu Instituts Münster; Diplompsychologin und seit 1984 Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf leiborientierte und transpersonale Prozesse; seit 1984 Übungsleiterin für Qi Gong; lernt seit 1980 Shiatsu, war vor der Gründung des Europäischen Shiatsu Instituts 1989 Lehrerin (Certified Ohashiatsu Instructor) des Ohashi Instituts; seit 1991 Schülerin von Cliff Andrews und Pauline Sasaki; weitere wichtige Shiatsuimpulse durch Akinobu Kishi, Kazunori Sasaki und durch das LehrerInnenteam des Europäischen Shiatsu Instituts.

Brigitte Ladwig: Kyojitsu in Bewegung – Resonanz zu den Meridianfunktionen. In: Greinus, Holger (Hrsg): Shiatsu - Grundlagen 2: kyo & jitsu. Verlag Edition Vitalis